AktuellesInterview
Organ-, Tumor- und Gefäßmedizin: Was hinter dem neuen DeGIR-Namen steckt
Professor Zorger, Sie haben die Erweiterung des DeGIR-Namens angestoßen. Was war der konkrete Anlass dafür?
Die Interventionelle Radiologie ist meine große Leidenschaft und hat mich vor vielen Jahren in die Radiologie gebracht, ursprünglich wollte ich einmal Chirurg werden. Interventionelle Radiologinnen und Radiologen erbringen einen erheblichen und stetig wachsenden Anteil therapeutischer Leistungen am Gefäßsystem, an Organen, Nervenbahnen und Gelenken – von der Aneurysma-Coiling-Therapie über periphere Stentimplantationen, Embolisation von benignen und malignen Erkrankungen bis hin zu einer Vielzahl an interventionell-onkologischen Interventionen Da diese Leistungen überwiegend als Konsiliar- bzw. Auftragsleistung für bettenführende Fachabteilungen erbracht werden, bleibt die Interventionelle Radiologie strukturell unsichtbar.
Das erlebte ich erst unlängst an Hand von zwei Beispielen: Obwohl ich in meiner Familie regelmäßig begeistert von den spannenden Eingriffen und Möglichkeiten berichte, war ein enger Verwandter bei dem Thema Gelenkembolisation völlig überrascht, dass ich außer der Bildbetrachtung auch therapeutisch tätig bin. Nahezu zeitgleich war ein hochrangiger Politiker im Gespräch mit unseren Fachvertreter:innen erstaunt, dass wir auch Gefäßmedizin betreiben. Er war sich unserer therapeutischen Tätigkeit und Expertise in diesem Fachgebiet – im Gegensatz zu den Angiologen und Gefäßchirurgen – nicht bewusst.
Für mich zeigen beide Beispiele, dass in der Bezeichnung unseres Faches neben dem breiten Spektrum auch einzelne, in der Allgemeinheit besetze Bezeichnungen explizit erwähnt werden müssen. „Interventionelle Radiologie“ alleine ist wohl hier für viele zu abstrakt.
Welche Botschaft soll mit dem Zusatz „Die Fachgesellschaft für minimal-invasive Organ-, Tumor- und Gefäßmedizin“ stärker nach außen getragen werden?
Der Zusatz soll zwei Aspekte zum Ausdruck bringen: erstens eine Spezifikation unseres Handelns. Keine medizinische Subspezialität zeigt ein so großes und fächerübergreifendes Spektrum wie die Interventionelle Radiologie. Zweitens drückt der Begriff „Medizin“ auch unseren ganzheitlichen Anspruch als klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte mit direktem Patientenkontakt bei Untersuchung, Beratung, Diagnose und Therapie aus. Dies spiegelt die Realität der meisten Interventionalist:innen wider, soll aber auch gleichzeitig unseren Anspruch, eine klinisch tätige Fachdisziplin zu sein, fixieren.
An welche Zielgruppen richtet sich diese stärkere Profilierung besonders – eher an Patient:innen, Politik und Gesundheitswesen oder auch an andere medizinische Fachgesellschaften?
Patienten beachten natürlich seltener die Namen der Fachgesellschaften, hier ist vor allem der direkte Kontakt mit Ärztinnen und Ärzten prägend. Trotzdem ist der neue DeGIR-Name auch in diesem Kontext vielsagender und verständlicher. In erster Linie richtet sich die stärkere Profilierung an unser politisches Umfeld. Die Erweiterung des Namens macht unser enormes Spektrum jetzt augenscheinlich. Die benachbarten medizinischen Fachgesellschaften werden unseren Anspruch, aber auch unser damit zum Ausdruck gebrachtes Selbstverständnis sicher registrieren; vermutlich nicht immer nur mit Gegenliebe. Aber dieses Selbstbewusstsein steht uns als Interventionalist:innen selbstverständlich zu, schließlich bestätigt das nur die Rolle, die wir im klinischen Alltag, aber auch in Forschung und Lehre spielen.
Mit der Ergänzung soll insbesondere die Gefäßmedizin sichtbarer werden. Warum ist dieser Bereich für die Interventionelle Radiologie so zentral?
Mit knapp 240.00 in unserer Qualitätssicherungssoftware dokumentierten Eingriffen ist die Interventionelle Radiologie ein wichtiger klinischer Leistungserbringer und ein zentraler Pfeiler der Gefäßmedizin in Deutschland – von der Behandlung der cerebralen Gefäße bis zur Unterschenkelrekanalisation. Dabei muss uns bewusst sein, dass eine zuverlässige und vollständige Dokumentation der IR- Eingriffe unsere Sichtbarkeit weiter erhöht und unseren Qualitätsanspruch unterstreicht Die Namensergänzung macht diese Kompetenz im Gesellschaftsnamen sichtbar und beendet die wiederkehrende Diskussion über die Rolle interventioneller Radiologinnen und Radiologen in der Gefäßmedizin. Für Verantwortliche im Gesundheitswesen und Politik ist „Gefäßmedizin“ verständlich. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, als Stakeholder bei Gefäßthemen wahrgenommen zu werden. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Verschriftlichung von Kompetenzen durch einzelne Fächer es erleichtert, Leistung zu erbringen bzw. als Erbringer entsprechender medizinischer Leistung akzeptiert zu werden.
Der Begriff „Organmedizin“ ist in der Medizin bislang nicht als eigenständige Fachbezeichnung etabliert. Was versteht die DeGIR darunter?
„Organmedizin“ ist tatsächlich ein Kunstwort. Gelegentlich wird es zur Betonung der somatischen Medizin verwendet. Wir als DeGIR verstehen uns als Experten der minimal-invasiven Therapie aller Organregionen. Das unterscheidet uns von den anderen (minimal-)invasiv tätigen medizinischen Fachgesellschaften. Wir überschreiten Organgrenzen und können unsere Fertigkeiten in nahezu allen Regionen des Körpers anwenden bzw. diese von eine auf die andere Organregion übertragen. „Organmedizin“ wird so zur Marke der DeGIR.
Warum reicht aus Ihrer Sicht die Beschreibung „Tumor- und Gefäßmedizin“ nicht aus, um das therapeutische Spektrum der Interventionellen Radiologie angemessen abzubilden? Welche Eingriffe und Krankheitsbilder würden dabei zu kurz kommen?
Tumor- und Gefäßmedizin sind zwei zentralen Säulen der Interventionellen Radiologie. Aber unsere Therapiemöglichkeiten sind weit vielfältiger, denken wir nur an die CT-gesteuerte Schmerz- oder Drainagentherapie, Prostata- und Myomembolisation, Lebereingriffe wie TIPS oder Neurointerventionen. Die Aufzählung der interventionell-radiologischen Eingriffe lässt sich beliebig erweitern und diese sind nun unter dem Schlagwort „Organmedizin“ subsumiert.
Was soll die neue Bezeichnung langfristig bewirken – für die Wahrnehmung der Interventionellen Radiologie, ihre Rolle in interdisziplinären Behandlungskonzepten und ihre Position in der ambulanten Versorgung?
In Fachkreisen, v.a. in Krankenhäusern, ist die Interventionelle Radiologie bekannt. Wenn man jedoch nicht täglich damit zu tun hat, bemerken wir häufig ein fehlendes Verständnis für das breite Spektrum unseres Faches. Durch die Erweiterung unseres DeGIR-Namens und insbesondere das Hervorheben und damit die Verdeutlichung der medizinischen Kompetenz in den verschiedenen Organregionen tragen wir unsere Rolle als direkter Ansprechpartner für Patienten, Zuweiser, den Vertretern der Kostenträger und der Gesundheitspolitik nach außen. Es unterstreicht unseren Anspruch als Partner der Patientinnen und Patienten, angefangen von der Diagnosestellung anhand radiologischer Untersuchungen, die Einordnung von Befunden über die Beratung zu einer geeigneten minimal-invasiven Therapie, deren Durchführung und letztendlich zur Evaluation und Nachsorge des Therapieerfolges. Unser Anspruch, mehr in die Primärversorgung zu rücken wird dadurch betont. Die Ambulantisierung bietet uns dabei die Chance, durch den alleinigen Patientenkontakt sowohl in eigenen Sprechstunden als auch bei der Durchführung der Therapie und der Entlassung der Patienten auf einer Ambulanzstation das Wahrnehmungsdefizit zu verringern. Hier gibt es in unserer Fachgesellschaft schon zahlreiche „Best Practice“ Beispiele von IR geführten Ambulanz-oder Bettenstationen, eigenen Sprechstunden, teils Videounterstützt, und Kooperationen zwischen Praxen und Interventioneller Radiologie am Krankenhaus.