AktuellesTAPE bei Gonarthrose
DeGIR bringt sich in die wissenschaftliche Debatte ein
Die TAPE, international häufig als Genicular Artery Embolization (GAE) bezeichnet, ist ein minimal-invasives, katheterbasiertes Verfahren, bei dem pathologisch neu gebildete, entzündlich veränderte Gefäße der Synovia gezielt embolisiert werden. Das Verfahren könnte insbesondere für Patientinnen und Patienten eine zusätzliche Therapieoption darstellen, bei denen konservative Maßnahmen ausgeschöpft sind, eine operative Versorgung jedoch noch nicht infrage kommt.
Während zahlreiche Untersuchungen vielversprechende Ergebnisse hinsichtlich der Schmerzlinderung zeigen, konnten einzelne randomisierte, scheinkontrollierte Studien bislang keinen statistisch signifikanten Zusatznutzen nachweisen. Aus Sicht der DeGIR müssen diese Ergebnisse jedoch unter Berücksichtigung der jeweiligen Studiendesigns und methodischen Limitationen eingeordnet werden.
DeGIR gründet TAPE-Ad-hoc-Gruppe
Bereits im Juni 2026 hatte die DeGIR mit einer wissenschaftlichen Stellungnahme auf das Gutachten des Medizinischen Dienstes Bund (MD Bund) zur TAPE reagiert und den Dialog mit dem MD Bund aufgenommen.
Angesichts des gestiegenen Interesses formierte sich im Sommer 2026 unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Minko eine TAPE-Ad-hoc-Gruppe der DeGIR. Sie setzt sich dafür ein, die wissenschaftliche Evidenz kritisch zu bewerten, die Perspektive der Interventionellen Radiologie in die öffentliche Diskussion einzubringen und den interdisziplinären Austausch zu fördern.
Kritik an aktueller Studie in European Radiology
Anlass für die Arbeit der Gruppe war unter anderem eine im April 2026 in European Radiology veröffentlichte randomisierte, scheinkontrollierte Studie, die nach zwölf Monaten keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen TAPE und Scheinintervention feststellen konnte.
Dieser Interpretation der Studienergebnisse widersprechen Prof. Peter Minko, Dr. Arian Taheri Amin und PD Dr. Federico Collettini als Vertreter der DeGIR-TAPE-Ad-hoc-Gruppe in einem am 12. Oktober 2026 veröffentlichten Letter to the Editor. Ihr zentraler Kritikpunkt: Das Ausbleiben eines statistisch signifikanten Unterschieds darf nicht mit dem Nachweis der Unwirksamkeit gleichgesetzt werden. Die Autoren benennen mehrere methodische Einschränkungen:
- Zu geringe statistische Power: Die Studie mit nur 29 Patientinnen und Patienten pro Gruppe war nach Einschätzung der Autoren angesichts des unerwartet starken Effekts der Scheinintervention nicht ausreichend gepowert, um einen möglichen Behandlungsunterschied zuverlässig nachzuweisen.
- Patientenselektion: Die Auswahl erfolgte anhand des radiologischen Arthrosegrades, nicht anhand einer MRT-gesicherten Synovitis. Da die TAPE gezielt an entzündlich bedingten Gefäßneubildungen ansetzt, könnte dies die Ergebnisse beeinflusst haben.
- Durchführung der Embolisation: Bei drei Personen der Interventionsgruppe konnte mangels nachweisbarer Hypervaskularisation keine Embolisation durchgeführt werden. Ihre Einbeziehung in die Auswertung könnte einen möglichen Behandlungseffekt abgeschwächt haben.
Die Autoren betonen, dass die vorliegenden Ergebnisse einen klinisch relevanten Nutzen der TAPE nicht ausschließen und weitere, ausreichend große und methodisch robuste Studien erforderlich sind.
Auch die Berichterstattung im Deutschen Ärzteblatt in der Kritik
Neben der wissenschaftlichen Publikation beschäftigt sich die Ad-hoc-Gruppe mit einem am 28. August 2026 im Deutschen Ärzteblatt erschienenen Beitrag unter dem Titel „Embolisation bei Kniearthrose: Nutzen bislang nicht klar belegt“.
In einem an die Redaktion übermittelten Kommentar kritisieren sechs Vertreter der DeGIR insbesondere, dass die Darstellung die inzwischen breitere Studienlage nicht ausreichend berücksichtigt. So verweist der Beitrag auf eine Metaanalyse mit 18 Studien und 534 Patientinnen und Patienten. Eine neuere Auswertung mit 45 Studien und 2.205 Behandelten zeigt hingegen klinisch relevante und anhaltende Verbesserungen der Schmerzsymptomatik.
Auch aktuelle randomisierte Studien liefern aus Sicht der Gruppe wichtige zusätzliche Erkenntnisse. So erreichten in der auf dem CIRSE 2026 vorgestellten GRAVITY-Studie 50 Prozent der Patientinnen und Patienten in der Embolisationsgruppe eine klinisch relevante Verbesserung des WOMAC-Scores um mindestens 50 Prozent, gegenüber 10,7 Prozent in der Beobachtungsgruppe. Die vollständige wissenschaftliche Publikation steht noch aus.
Die Autoren betonen zudem, dass die TAPE an einem pathophysiologisch plausiblen Wirkmechanismus ansetzt: der bei Gonarthrose auftretenden Synovitis sowie der damit verbundenen Gefäß- und Nervenneubildung.
Potenzial für eine wichtige Therapieoption
Für die DeGIR geht es bei der Diskussion nicht allein um die Bewertung einzelner Studien, sondern auch um die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Gonarthroseschmerzen. Die TAPE könnte eine therapeutische Lücke zwischen ausgeschöpfter konservativer Behandlung und operativer Versorgung schließen.
Dafür braucht es weitere hochwertige Studien, eine sorgfältige Patientenselektion sowie eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Interventioneller Radiologie und Orthopädie.
Die zentrale Botschaft der DeGIR: Eine noch nicht abschließend belegte Wirksamkeit ist nicht gleichbedeutend mit nachgewiesener Unwirksamkeit. Die Fachgesellschaft wird die wissenschaftliche und gesundheitspolitische Diskussion deshalb weiterhin aktiv begleiten und sich für eine differenzierte Bewertung des Verfahrens einsetzen.