Kommentar
Die Transarterielle Mikroembolisation erweitert das Spektrum der Interventionellen Schmerzmedizin
Der heute im Deutschen Ärzteblatt erschienene Review-Artikel „Transarterielle Embolisation bei Gonarthrose“ von Collettini et al. bietet eine ausgewogene und kritisch reflektierte Übersicht über den aktuellen Kenntnisstand zur TAME bei Gonarthrose. Die Autoren stellen die pathophysiologischen Grundlagen des Verfahrens dar, insbesondere die Rolle der synovialen Hypervaskularisation und der damit assoziierten Entzündungs- und Schmerzmechanismen, und fassen die bislang publizierten klinischen Studien systematisch zusammen. Dabei wird deutlich, dass zahlreiche prospektive und retrospektive Arbeiten konsistente Verbesserungen von Schmerz und Funktion nach TAME berichten und das Verfahren insgesamt als sicher einzustufen ist.
Die TAME ist eine gute Ergänzung der über viele Jahrzehnte etablierten Therapieoptionen bei Gonarthrose. Konservative Maßnahmen bilden das Fundament der Behandlung, ihre Wirksamkeit ist jedoch häufig limitiert. Insbesondere bei intraartikulären Injektionen ist die Datenlage widersprüchlich, und die Effektstärke und Wirkungsdauer lassen oft im Verlauf nach. Hinzu kommen relevante Nebenwirkungen bei langfristiger medikamentöser Schmerztherapie, die gerade bei älteren oder multimorbiden Patient:innen problematisch sind. Die operative Therapie, allen voran die Knie-Totalendoprothese (TEP), ist etablierter Standard bei fortgeschrittener Arthrose. Dabei darf nicht übersehen werden, dass etwa 20 % der Patient:innen auch nach Knie-TEP unter persistierenden Schmerzen leiden und ältere multimorbide Patient:innen sind häufig keine idealen Kandidaten für einen operativen Eingriff. In diesem Spannungsfeld kann die TAME eine Versorgungslücke schließen und das Therapiespektrum sinnvoll ergänzen: als minimalinvasive Therapie für Patient:innen mit therapieresistenten Schmerzen, als Alternative für diejenigen, die operativen Verfahren skeptisch gegenüberstehen, und als Brückentherapie, ohne zukünftige operative Therapien zu verbauen. Die bisher verfügbaren Daten sprechen dafür, dass eine spätere Operation nach GAE ohne erhöhtes Risiko für postoperative Komplikationen möglich ist.
Dabei ist die die TAME nicht nur eine Option, sondern integraler Bestandteil der Arthrose- und Schmerztherapie und sollte in evidenzbasierter Leitlinien zur Arthrose- und Schmerztherapie aufgenommen werden. Interventionelle Radiologinnen und Radiologen müssen über die Durchführung der Prozedur hinaus in die Behandlungskette eingebunden werden. Dabei behandeln wir Patienten und Patientinnen nicht einmalig, sondern begleiten sie longitudinal, diskutieren Therapieentscheidungen interdisziplinär und übernehmen klinische Verantwortung.
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, den Blick etwas weiter zu fassen. Die TAME ist nicht nur ein isoliertes Verfahren, sondern Teil der rasch wachsenden radiologische Disziplin Interventionelle Schmerzmedizin, welche sich zunehmend als Bereich innerhalb der interventionellen Radiologie etabliert. Bildgesteuerte, minimalinvasive Schmerztherapien gewinnen bei vielen Indikationen an Bedeutung. Chronische Schmerzpatient:innen profitieren schon jetzt von den Möglichkeiten, die interventionell-radiologische Expert:innen in die klinische Versorgung einbringen. Ein sichtbares Zeichen dieser Entwicklung ist die Initiierung des European Conference on Image-Guided Pain Management (ECIP) durch die CIRSE, die erstmals im Jahr 2026 stattfinden wird. Die Etablierung einer europäischen Plattform für interventionelle Schmerztherapie unterstreicht, dass dieses Themenfeld für vulnerable Patient:innen mit chronischem Schmerz klinisch sehr relevant ist. Gleichzeitig ist die interventionelle Schmerztherapie auch strategisch, für die Zukunft unseres Faches, von hoher Bedeutung.
Der Review Artikel von Collettini et al. erlaubt eine gute Einordnung der TAME bei Gonarthrose: evidenzbasiert, kritisch und ohne überzogene Erwartungen. Die Lektüre lohnt sich, weil das enorme Potenzial dieses Verfahrens für unsere Patient:innen deutlich wird.